St. Jürgen

Stadtteilnummer: 
2
Einwohner: 
42 686

St. Jürgen ist ein Stadtteil von Lübeck vor dem ehemaligen Mühlentor im Süden außerhalb der ehemaligen Stadtmauern. Der Name St. Jürgen (= St. Georg) entspricht wie bei St. Lorenz und St. Gertrud dem Patron der Vorstadtkirche. Der Stadtteil umfasst die Stadtbezirke Hüxtertor-Mühlentor-Gärtnergasse (02), Strecknitz (09), Blankensee (10), Wulfsdorf (11), Beidendorf (12), Krummesse (13), Kronsforde (14), Niederbüssau (15), Vorrade (16), Schiereichenkoppel (17) und Oberbüssau (18).

Lage

Das Gebiet wird im Norden durch den Elbe-Lübeck-Kanal, im Osten durch die Wakenitz und im Süden und Westen durch die Stadtgrenzen bestimmt. Die geschlossene Bebauung im Anschluss an die Innenstadt endet südlich des Hochschulstadtteils. Innerhalb dieser geschlossenen Bebauung liegen die zwei Gewerbegebiete des Stadtteils, das alte seit Anfang des 20. Jahrhunderts an der Geniner Straße mit dem auffälligen Gasometer und das neue seit den 70er Jahren an der Malmöstraße. Die überwiegend 1935 eingemeindeten Landgemeinden bilden Inseln geschlossener Bebauung in Landschaftsschutzgebieten und landwirtschaftlich genutzter Flächen. Sie haben z.T. Reste des ursprünglichen dörflichen Charakters behalten. In diesem Gebiet liegen auch die Deponie Niemark und der Flughafen Blankensee.

Aus einer städtischen Verordnung vom 23. März 1861:

,"Zur Vorstadt St.Jürgen gehören alle Grundstücke vor dem Mühlenthore und dem Hüxterthore, welche umschlossen werden vom Mühlenthorzingel ab durch den Krähenteich, den Hüxterthorzingel die Wacknitz, die Feldmarken von Strecknitz, Mönkhof, Vorrade und Genin, durch die Trave und den Stadtgraben bis zum Mühlenthorzingel; so wie außerdem die Grundstücke des Grönauer Baums"

Geschichte

Bis zur Aufhebung der Torsperre (1864)

Der Kern der Gebiete gehörte bereits seit dem Wiederaufbau der Stadt 1159 unter Heinrich dem Löwen zur Stadt und dem Bistum Lübeck. Der kleine Teil des Gebiets östlich der heutigen Innenstadt und nördlich der heutigen Moltkestraße ist durch die Anstauung der Wakenitz durch Menschen bereits im Mittelalter erheblich umgestaltet worden. Der kleine Landzipfel, den die Wakenitz umfloss, wurde durch die erhebliche Anhebung des Wasserspiegels feucht. Sein nördlicher Teil, die Falkenwiese (Falkenstraße) wurde für die nicht unbedeutende Falkenzucht und Falkenjagd genutzt. Kaiser Friedrich II. erhielt 1240 einen Falken aus Lübeck.

Südlich der Innenstadt in dem Gebiet, das durch die Ratzeburger Allee und die Kronsforder Allee erschlossen wurde, entstand südlich der Gabelung der Alleen um 1240 das St. Jürgen Hospital, eines von mehreren durchweg St. Jürgen gewidmeten Siechenhäusern für Leprakranke im Umfeld der Stadt, das im Dreißigjährigen Krieg 1629 mit der später (1341) entstandenen St. Jürgen-Kapelle, die dem Stadtteil den Namen gab, wegen des Ausbaus der Festungsanlagen nach Süden verlegt wurde.

Die Wälder aus Buchen und Eichen in diesem Gebiet wurden bis Ende des 14. Jahrhunderts für den Bedarf an Werk- und Brennholz gerodet. Die Bezeichnung Kahlhorst (Kahlhorststraße) für einen Teil dieses Gebietes beschreibt das Ergebnis dieser Rodungen, die in dieser Gegend für die Köhlereiwirtschaft vorgenommen wurden.

Die durch die Rodung entstandene Heide wurde teils als Weide für das in der Stadt gehaltene Milchvieh genutzt. In den Straßennamen Stadtweide, Bürgerweide und Osterweide ist dies bis heute erkennbar. Weitere Teile wurden an Ackerbürger verpachtet, die ihren Hof innerhalb der Stadtmauern hatten, Landwirtschaft jedoch vor den Toren betrieben. Weiter entfernt liegende Grundstücke entwickelten sich zu Außenhöfen (Gut Strecknitz, Hof Rothebeck, Mönkhof, Ringstedten- und Elswighof), von denen noch heute der Mönkhof und der Ringstedtenhof existieren. Andere Teile gehörten den Stiftungen (St. Jürgen und Heiligen-Geist-Hospital, St. Annen Armen und Werkhaus, St. Clemens-Kaland, Antoniusbruderschaft) und wurden von ihnen bewirtschaftet.

Gewerbliche Tätigkeit wurde vor den Stadtmauern ausgeübt, soweit sie insbesondere aus hygienischen Gründen nicht in der Stadt verrichtet werden konnte: Bleicher (Bleichenstraße), Leimsieder und Gerber vor dem Hüxtertor, Kienräucherei zur Herstellung von Druckschwärze vor dem Mühlentor. Vor das Mühlentor wurde 1582 auch die Schweinehaltung verlagert. Die Stadt wies den Bäckern, die auf die Schweinehaltung als Nebenerwerb angewiesen waren, zum Ausgleich Flächen in der heutigen Bäckerstraße (früher: Schweinestraße) zur Schweinehaltung zu.

Vom Ende des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden zunehmend Gebiete zur Anlage von Ziergärten genutzt. In derselben an den französischen Gärten orientierten Bewegung entstanden die ersten Alleen, von denen die Lindenallee zum Gut Strecknitz bis heute erhalten ist (Peter Monnik Weg). Als die Hüxtertorallee 1746 gepflastert wurde, ließ ein Anlieger die Straße mit Linden bepflanzen. So wurde die Hüxtertorallee die erste große Allee im Stadtgebiet. Bis 1800 wurden auch die Ratzeburger Allee und die Kronsforder Allee zu Alleen ausgebaut. Teile des Wakenitzufers wurden bis in die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von Gärtnereibetrieben genutzt.

1799 eröffnete der Schwimmlehrer Anton Kreidemann an der Wakenitz in Höhe der heutigen Dorotheenstraße eines der ersten Schwimmbäder Norddeutschlands, die Kreidemannsche Anstalt, die bis 1898 bestand.

Ab 1800 entstanden beidseits der Ratzeburger Allee zahlreiche Kunst- und Handelsgärtnereien und einige Sommerhäuser, darunter die Lindesche Villa, das heutige Standesamt, in der Ratzeburger Allee und in der Bäckerstraße.

Weitergehender Gewerbe- und Wohnbebauung standen zunächst städtische Interessen entgegen. Zum einen sollten im Fall einer Belagerung einem Feind keine befestigten Bauten zur Verfügung stehen. Zum anderen ging es um wirtschaftliche Interessen (Zunftzwang und Akzise). Diese Beschränkungen wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts aufgehoben. Die Parzellierung des Gebietes ermöglichte ab 1860 Innenstadtbewohnern den Erwerb von Grundstücken. Weitere wesentliche Schritte waren die Aufhebung der Torsperre zum 1. Mai 1864, die Einführung der Gewerbefreiheit zum 1. Januar 1867 und die Abschaffung der Akzise zum 1. Januar 1875.

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges

Mit Aufhebung dieser Beschränkungen wuchs die Bevölkerung in St. Jürgen wie die anderen Vorstädte rasch. Es sind die Vorstädte, die das enorme Bevölkerungswachstum in Lübeck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufnehmen. Bereits 1900 wohnen deutlich mehr Menschen in den Vorstädten als in der Innenstadt, deren Bevölkerung stagniert.

Neben einfacher, gleichartige Bebauung zum Beispiel in der Elswigstraße (1871 benannt), entstand sehr bald nach der Aufhebung der Torsperre ein großbürgerliches Villenviertel zwischen Kronsforder Allee und Lindescher Villa (heute Standesamt) an der Ratzeburger Allee, das bis heute weitgehend erhalten ist. Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurde als erste große Straße in diesem Viertel noch ohne staatliche Planung die heutige Stresemannstraße (1875 zuerst Friedrich-Wilhelm Straße benannt) als Stichstraße zur Ratzeburger Allee angelegt.

Ordnung in das Wachstum brachte zunächst nur 1873 ein Gesetz zur Anlage von Straßen in den Lübecker Vorstädten, das für Hauptstraßen die Anlage von Vorgärten, breiten Gehwegen und die Bepflanzung mit Alleebäumen anordnete. Ein vom Wasserbaudirektor Peter Rehder entworfener Bebauungsplan wurde erst 1894 verabschiedet. Danach wurde verbindlich das Gebiet um die heutige Stresemannstraße zum reinen Wohngebiet.

1885 kaufte die Stadt den früheren Kahlhorst-Hof und errichtete auf seinem Gelände das Allgemeine Krankenhaus (ab 1943: Städtisches Krankenhaus Süd, heute Sana Kliniken), das am 18. Oktober 1887 eröffnet wurde. Die heutige Kalandschule, damals noch getrennt als Knaben und Mädchenschule bezog 1886 ihr neues Schulgebäude.

Mit dem Bau des Elbe-Lübeck-Kanals, der ab 1896 gebaut und am 16. Juni 1900 eröffnet wurde, wurde der Falkendamm errichtet, der den Zufluss der höher gelegene Wakenitz in den Krähenteich abschneidet. Zwischen dem Kanal und der Wakenitz entstand nördlich der 1892 von Ferdinand Wallbrecht auf eigene Kosten angelegten Moltkestraße in wenigen Jahren ein neues Wohngebiet, dessen Straßen (Attendornstraße 1902 usw.) ihren Namen nach Bürgermeistern der Stadt Lübeck aus der Zeit des Stecknitz-Kanalbaus um 1390 erhielten. An der Wakenitz in Höhe des im Mittelalter als Zucht- und Übungsplatz von Falknern genutzten Falkenfeldes wurde 1899 das Freibad an der Falkenwiese eröffnet, das seit 1997 unter Denkmalschutz steht.

In dieser Zeit erfolgte die erste Bebauung in der ehemaligen Gärtnersiedlung Kahlhorst (Kahlhorstraße). Das obige Gemälde von Maria Slavona, das heute unter dem Titel Tauwetter bei Lübeck bekannt ist, trug in dem die damalige Ausstellung im Schabbelhaus begleitenden Artikel der Vaterstädtischen Blätter vom 18. März 1920 noch den Titel Kahlhorst. Hier entstand auch 1906 das Gebäude der "II. St. Jürgenschule" (seit dem 28. Juli 1934: Kahlhorstschule), seit 2006 nur noch Grundschule.

Ab 1909 wurde die Heilanstalt Strecknitz auf einem Teil der Gemarkung des Gutes Strecknitz gebaut. Die Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke wurde am 24. Oktober 1912 eröffnet und löste die Irrenanstalt an der Wakenitzstraße ab. Die im Heimatschutzstil gehaltenen Gebäude, die an ostholsteinische Gutshäuser erinnern sollen, wurden symmetrisch an einer Achsenstraße angelegt, die im Osten durch den 37 m hohen Glocken-, Wasser- und Uhrenturm abgeschlossen wird.

1913 wurde das Kinderhospital nördlich des Allgemeinen Krankenhauses (Krankenhaus Süd) an der Kahlhorststraße bezogen. Die erste Lübecker Kinderklinik an der Hüxtertorallee 41 wurde dafür aufgegeben. In diesem Kinderkrankenhaus kam es 1930 zu dem Lübecker Impfunglück.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges

Die nach dem Ersten Weltkrieg herrschende große Wohnungsnot brachte auch in Lübeck eine Siedlungsbewegung hervor, die in den 20er Jahren zum Bau der Siedlungen zuerst an der "Gärtnergasse" (ab 1919) und an der "Vorrader Straße" ("Rothebeck") führte. Träger der Bautätigkeit waren verschiedene Bauvereine, die "Gemeinnützige Siedlergenossenschaft eGmbH" und der "Bauverein Selbsthilfe". Die vom "Bauverein Selbsthilfe" gebauten Häuser an der Gärtnergasse und im Lerchenweg fallen noch heute durch ihre Runddächer, also Satteldächer mit nach außen gewölbten Dächern auf. Große Grundstücke im "Falkenhusener Weg" sollen die Selbstversorgung der Bewohner ermöglichen.

Auch in der Siedlung Kahlhorst (ab 1926) bauen die "Gemeinnützige Siedlergenossenschaft" und der "Bauverein Selbsthilfe" ("Friedrichstraße" usw.). In Bauvereinssiedlung in der "Friedrichstraße" finden sich wieder bis heute die Runddächer, jetzt aber bei zweigeschossigen Doppel- und Vierfachhäusern.

Weiter im Osten näher bei der "Ratzeburger Allee" entstand Kleinhaus- und Reihenhausbebauung. 1931 wurde in diesem Bereich für die erheblich gewachsene Bevölkerung der Vorstadt St. Jürgen die Klosterhofschule errichtet.

Nachdem in den Jahren 1929 bis 1932 wegen der wirtschaftlichen Depression der Siedlungsbau fast zum Erliegen gekommen war, wurde in 1935 wieder im "Falkenhusener Weg" eine Reihe von Häusern gebaut.

Auch die heutige Rehderbrücke (früher Horst-Wessel-Brücke) wurde Mitte der 30er Jahre gebaut und am 8. Juli 1936 dem Verkehr übergeben.

 
Quellle: Wikipedia